An einem Donnerstag um 16 Uhr steigen wir bei einer Boutique-Beratung ins Thema Kennzahlen ein. Nicht als Controlling-Übung. Sondern um von dort die Mandatswege zu beschreiben, die das Geschäft tragen sollen.
Der Inhaber legt Umsatz, Kosten und das, was unterm Strich als EBIT hängen bleibt, auf den Tisch. Für eine Beratung dieser Größe sind das gute Zahlen. Beeindruckend sogar.
Dann legen wir sie anonymisiert neben zwei deutlich kleinere Boutiquen aus meinem Kundenkreis. Unterm Strich bleibt nicht mehr hängen.
Wie Schuppen von den Augen. Danach geht es nicht mehr nur darum, Mandate zu gewinnen. Es geht darum, die Profitabilität der Beratung zu steigern.
Ich erzähle diesen Fall, weil er eine Lücke sichtbar macht, die viele erfolgreiche Boutiquen übersehen. Ein voller Kalender fühlt sich wie Gesundheit an. Eine Risikokennzahl ist er nicht. Eine Gewinnkennzahl erst recht nicht.
Neue Mandate sorgen für Umsatz und Beschäftigung in der Beratung. Hochprofitabel wird sie, wenn sie entscheiden kann, welche Mandate sie annimmt, wie sie diese als Productized Service bepreist und was langfristig daraus entstehen wird.
Warum volle Auslastung täuschen kann
Die Ursachen liegen selten in der Fachlichkeit. Die Boutique liefert. Die Kunden sind zufrieden. Das Team ist beschäftigt. Trotzdem bleibt weniger übrig, als die Größe vermuten lässt.
Drei Muster sehe ich besonders oft.
Das erste sind Tagessätze bei Stammkunden, die nie systematisch angehoben wurden. Rahmenbedingungen verändern sich. Verantwortung wächst. Erfahrung wächst. Der Satz bleibt. Der Kunde vergleicht dann schnell. Er legt Tagessätze nebeneinander, als wären Beratung und Berater austauschbar. Erfahrung, Urteil und die Fähigkeit, ein Thema bis zur Geschäftsführung zu tragen, fließen in so einen Satz nicht ein. Es werden Äpfel mit Birnen verglichen.
Das zweite Muster entsteht dort, wo wenige große Kunden den größten Teil des Geschäfts tragen. Innerhalb des Mandats tauchen Zusatzbedarfe auf. Weil man sich lange kennt, weil man sich gut versteht, weil man diesen wichtigen Kunden nicht verärgern will, wird die zusätzliche Arbeit oft nicht extra berechnet. Manchmal wird nicht einmal darüber gesprochen. Es wird einfach mehr gemacht, als beim Start vereinbart war. Das Klumpenrisiko kostet dann nicht nur Sicherheit. Es kostet Marge.
Das dritte Muster beginnt vor der Unterschrift. Der Scope ist unklar. Die Pflichten beider Seiten stehen nicht. Es fehlt ein Weg für den Fall, dass der Kunde seinen Teil nicht leistet. Eine gute persönliche Beziehung ersetzt das nicht. Beziehung ist wertvoll. Sie ist nur kein Ersatz für Klarheit über das Projekt. Diese Klarheit muss man mutig aussprechen und aufschreiben. Nicht erst später, wenn man anfängt, sich zu streiten.
Wer diese drei Muster kennt, versteht den Fall mit den zwei kleineren Boutiquen. Die mittelgroße Beratung war nicht schlechter. Sie war voll. Und Vollsein ist etwas anderes als Gesundsein.
Der Preis entsteht vor dem Angebot
Wenn der Blick auf den Tagessatz fällt, fällt er auf Kosten. Dann wird verhandelt, was ein Tag wert ist. Nicht, was das Ergebnis wert ist.
Deshalb setze ich den Gewinnungs- und Einkaufsprozess so auf, dass der Entscheider den Fokus nicht auf Tage und Investition legt, sondern auf den Mehrwert, den er erwartet. Dieser Mehrwert hat zwei Ebenen. Die eine gilt für das Unternehmen. Die andere gilt für die persönliche Rolle des Entscheiders. Warum will er das? Welchen Unterschied macht es für ihn selbst, wenn das Thema gelöst ist? Wer beides sichtbar macht, legt mehr Gewicht in die Waagschale Wert. Dann lassen sich höhere Preise begründen. Es ist kein Trick. Es ist ein wirkliches Argument.
Eine Boutique für Transformations- und Wachstumsprojekte in der mittelständischen Industrie hat das mit mir durchgespielt. Als eine Mandatsanbahnung begann, haben wir zuerst die alte Kalkulation offengelegt. Wie viele Phasen hat so ein Projekt? Wie viele Projekttage würden Sie anvisieren? Welchen Tagessatz rufen Sie sonst auf? In welcher Größe würden Sie anbieten?
Danach haben wir die Gesprächsführung gemeinsam gestaltet. Über mehrere Runden, teils im Team. Ich habe im Hintergrund geführt. Das Projekt wurde in zwei Stufen eingekauft. Unterm Strich lag der Auftrag rund 35 Prozent über dem ursprünglich kalkulierten Angebotspreis. Weil kein Mehraufwand entstand, floss der Aufschlag vollständig ins EBIT.
Es musste nicht groß verkauft werden. Es war wirklich ein Einkaufen. Der Kunde hatte durchgängig den Impact im Blick. Sein Satz war: Ja, lassen Sie uns das so machen.
Natürlich mag es am Markt welche geben, die günstiger sind. Das hat auch einen Grund.
Jeder Euro, der vom Tagessatz losgelöst ist, ist EBIT. Es wird ja nicht mehr Aufwand fällig.
Eine Roadmap, aus der Mandate werden
Der Einstieg macht sichtbar, was zu tun ist. Die Roadmap entscheidet, ob daraus ein größeres Mandat wird. Oder mehrere.
Eine gute Roadmap zeigt genau, was sich ändern muss, damit der Kunde sein eigenes Ziel erreicht. Welche Teilprojekte. Welche Optimierungen. Jeder Baustein hat eigenen Impact. Jeder Baustein macht den nächsten sinnvoll. Daraus entstehen Mandate, die parallel oder nacheinander laufen. Keine Nice-to-have-Roadmaps. Keine Nice-to-have-Projekte. Immer in sich schlüssige Schritte, die sich aus dem Ziel des Kunden ergeben.
Eine Roadmap, die in der Schublade landet, ist anders gebaut. Sie entsteht aus Beratersicht. Sie stützt sich auf Methodik und Umsetzungsstrategien. Der Entscheider erkennt nicht sofort, welcher Baustein welchen Impact bringt. Und was alle Bausteine zusammen bewirken. Dann wird gelobt. Und nichts folgt.
Wer Roadmaps baut, die tragen, muss in den Mokassins des anderen laufen. Seit über 25 Jahren arbeite ich in der Industrie mit Geschäftsführern und Vorständen. Wer nicht weiß, wie diese Ebene denkt, konzipiert etwas, das nie zum Tragen kommt.
Gerade bei Projekten mit spürbarem Impact muss die Geschäftsführung früh eingebunden sein. Etwas zu bauen, ein Angebot zu verschicken und hinterherzutelefonieren ist keine Strategie. Es ist eine Hoffnungspipeline. Hoffentlich klappt es. Hoffentlich meldet sich jemand.
Wie im Mandat das nächste entsteht
Folgegeschäft entsteht nicht erst am Projektende. Es entsteht aus der Art, wie Wert während des Mandats sichtbar wird.
Im laufenden Mandat bleibe ich in Kontakt mit der Geschäftsführung. Welche Ziele stehen jetzt im Raum? Was muss besser laufen? Oft taucht beiläufig ein Symptom auf. In einer Niederlassung. In einer Abteilung. Dann frage ich genauer. Was bedeutet das konkret? Woran merken Sie das? Wer ist noch involviert? Was bedeutet es für die Abteilung, für die Niederlassung, für das Unternehmen, für die Umsetzung der Strategie?
Dann kommt der entscheidende Schritt. Nicht sofort die Lösung erzählen. Das wäre zu früh. Es wäre auch vermessen. Es würde signalisieren: Sie schildern ein Problem. Ich habe die Antwort schon. Stattdessen: Ich nehme das mit. Ich mache mir Gedanken. Ich schaue, was wir an anderer Stelle schon verbessert haben. Wenn ich einen Ansatz sehe, der zur Strategie passt, melde ich mich in den nächsten Tagen. Ist das okay?
Fast immer kommt ein Ja. Nach einigen Tagen oder nach einem Wochenende schlage ich eine Viertelstunde vor. Bei einem Kaffee. Wenn ich ohnehin im Haus bin. Dann stelle ich etwas zur Diskussion. Der Entscheider bewertet. Daraus entsteht oft das nächste Mandat.
Dieses Sprachmuster ist hypothetisch. Es behauptet keine Lösung. Es bietet an, eine zu prüfen. Meine Kunden arbeiten heute genauso, sobald sie diese Gesprächsführung gelernt haben.
Wer sofort die Lösung erzählt, verschenkt oft das nächste Mandat.
Nach dem Ziel beginnt die langfristige Erfolgsbegleitung
Wer ein Projekt nur lokal betrachtet, erreicht die Ebene von Prozessen, Wertstrom und Gesamtunternehmen nicht. Dann ist das Projekt irgendwann ganz schnell zu Ende. Wer fragt, was noch nötig ist, an welchen Schrauben noch justiert werden muss, bleibt relevant.
Ein erreichtes Ziel ist kein Projektende. Es ist der Anfang der langfristigen Erfolgsbegleitung.
Ich erkläre das gern am Marathon. Nur weil man ein Jahr trainiert hat und den Marathon einmal in der angestrebten Zeit gelaufen ist, bleibt diese Zeit nicht von allein. Drei Monate ohne Training, ohne Ernährung, ohne Fokus. Dann wird man schlechter. Irgendwann läuft man die Distanz nicht mehr in der Zeit.
Mit einem erreichten Status quo in einem Unternehmen ist es ähnlich. Deshalb gehört für die meisten meiner Projekte ein Modell dazu, das den Erfolg hält. Alle drei Monate ein Check. Ein Soll-Ist-Vergleich. Der Berater bleibt im Steering-Komitee, quartalsweise oder sogar monatlich. Nicht weil das Projekt nicht fertig wäre. Sondern damit Scheuklappen und Silodenken nicht wieder siegen. Wie schnell fällt ein Unternehmen in alte Mechanismen zurück?
Aus dieser Nähe entstehen immer wieder Folgeprojekte. Deshalb war ich bei einzelnen Kunden bis zu neun Jahre als Soloberater tätig.
Der Fehler, den ich zweimal gemacht habe
Gute Arbeit erzeugt automatisch neue Anforderungen. Manche liegen im eigenen Kern. Manche nicht.
Den Fehler habe ich zweimal gemacht. Einmal in meiner IT-Boutique. Zu große Abhängigkeit von wenigen Großen. Mandate, deren Scope nicht passte. Das habe ich im Beitrag Gut ausgelastet und trotzdem abhängig beschrieben.
Später, als Berater für profitables Wachstum, habe ich Mandate angenommen, weil wir über lange Zeit sehr gut zusammengearbeitet hatten. Der Kunde merkte, dass ich in Randthemen helfen konnte. Besonders wegen des Blicks auf das Gesamtunternehmen und die Geschäftsführung. So entstanden Erweiterungen, die nicht in meinem Sweetspot lagen. Themen, die so kundenspezifisch waren, dass sie sich nicht wiederholen ließen. Hoher Lern- und Ausarbeitungsaufwand für eine einmalige Umsetzung. Die Breite wuchs. In den neuen Bereichen fehlte die Tiefe.
Ganz am Anfang kam ein dritter Fehler dazu. Um bei einem großen Kunden reinzukommen, habe ich am Preis nachgegeben. Das ist ein Profitkiller. Es erschwert danach, bei diesem Kunden hochprofitable Mandate zu gewinnen. Wer beim Einstieg am Preis nachgibt, verhandelt jedes Folgemandat von unten.
Ich sage nicht, dass man Erweiterungen außerhalb des Sweetspots nie machen sollte. Aber vor der Zusage braucht es eine Prüfung. Wie groß ist das Risiko, dass ich es nicht schaffe? Und noch wichtiger: Ist das Thema wiederholbar? Kann daraus ein Productized Service für bestehende Kunden oder für neues, hochprofitables Geschäft werden? Oder ist es etwas, das ich ein- oder zweimal mache und dann nie wieder?
Falls das so ist, braucht es eine Gesprächsstrategie, damit ein anderer Berater mit eigenem Scope übernimmt. Es gibt viele Kombinationen. Auf keinen Fall sollte man selbst immer mehr in die Breite gehen, auch wenn der Kunde das wünscht.
Der Kunde wollte mehr von mir. Ich hätte öfter Nein sagen sollen.
Wenn nur der Inhaber Mandate gewinnt
Selbst wenn Preis, Scope und Folgegeschäft stimmen, bleibt eine letzte Abhängigkeit. Die Mandatsgewinnung hängt am Inhaber.
Irgendwann trägt sein Netzwerk nicht mehr. Irgendwann will er selbst weniger aktiv sein. Irgendwann reicht ein Inhaber nicht mehr aus, besonders wenn die Boutique wachsen soll.
Dann braucht es einen Mechanismus, der nicht nur trägt, sondern mitwächst. Auch die Mandatsgewinnung muss mitwachsen.
Beim Soloberater bauen wir denselben zweiten Weg, den ich in den Beiträgen Gut ausgelastet und trotzdem abhängig und Wie ein Mandat außerhalb des Netzwerks entsteht beschrieben habe. Damit er ihn selbst nutzen kann. Oft mit weniger operativer Kundenarbeit und trotzdem höherem Ergebnis.
Bei der Boutique entwickeln wir den Weg zuerst mit einem Berater oder einem kleinen Team. Wir bringen ihn an den Markt. Wir prüfen, bis er funktioniert. Dann liegt ein Blueprint vor. Danach entscheidet die Boutique. Macht ein kleiner Teil der Berater weiter damit? Oder, bei größeren Wachstumsambitionen, übernimmt ein eigener Mandatsgewinner oder ein kleines Team Teile davon? Ich habe erlebt, dass Berater zur Hälfte aus der operativen Arbeit in die Mandatsgewinnung gewechselt sind. Mit einem anderen Gehaltsmodell. Oder dass eine Boutique jemanden eingestellt hat, dessen Aufgabe genau darin besteht.
Erst muss der Weg funktionieren. Dann entscheidet die Boutique, wer ihn geht.
Eine Boutique, in der nur der Inhaber Mandate gewinnt, wächst nur so weit wie sein Netzwerk.
Was sich dadurch ändert
Eine Beratung, die diese Punkte zusammenführt, sieht anders aus. Sie wählt ihre Mandate. Sie bepreist nach Impact, nicht nach Tagen. Aus jedem Mandat entsteht der nächste sinnvolle Schritt. Sie bleibt nach dem Ziel relevant. Die Mandatsgewinnung hängt nicht mehr allein an einer Person.
Das ist kein Automatismus. Nicht jede Roadmap wird zum Mandat. Nicht jeder höhere Preis wird eingekauft. Es ist eine Haltung vor der Unterschrift, im Gespräch und nach dem Ziel.
Neue Mandate machen eine Beratung voll. Hochprofitabel wird sie erst, wenn sie entscheiden kann.